1. Nachwuchsforum: Blaubeuren 1999

Link zum Bericht über das mediävistische Nachwuchsforum in der Unipresse

Der folgende Text von Pamela Kalning berichtet über das erste Treffen des ‘mediävistischen Nachwuchsforums’.

Ein weiterer Bericht mit Kurzdarstellung der verhandelten Themen erscheint in TUN, den ‘Tübinger Universitätsnachrichten’ (Nr. 96)."Raus aus der Einsamkeit" hieß das Motto beim Nachwuchsforum der germanistischen Mediävistinnen in Blaubeuren. Ein gutes Dutzend Doktorandinnen und Habilitandinnen fanden sich dort zusammen, um sich wissenschaftlich und persönlich auszutauschen und bei ihren Arbeiten zu unterstützen. Während in den Naturwissenschaften in der Regel im Rahmen von Arbeitsgruppen geforscht wird, sind die GeisteswissenschaftlerInnen während ihrer Promotion traditionellerweise EinzelkämpferInnen, die ihre Arbeiten im stillen Kämmerlein produzieren und erst das Endprodukt einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsentieren. Die Fragestellungen der einzelnen Arbeiten sind inzwischen oft so spezialisiert, dass ein Miteinander auf den ersten Blick nicht sinnvoll scheint.
Wie fruchtbar dennoch eine Diskussionsplattform sein kann, zeigte das von der Fakultätsfrauenkommission der Neuphilologie geförderte Treffen der Nachwuchswissenschaftlerinnen. So stellte sich für viele Arbeiten das Problem der Begrenzung des Textkorpus ähnlich, methodische Fragen bei der Analyse von Texten wurden ebenso diskutiert wie die Vorgehensweise und Gliederungsprobleme. Von übergeordnetem Interesse war auch die Frage nach dem anzunehmenden Bildungsstand der Rezipienten, der der Interpretation der Texte vermeintlich Grenzen setzt. Sinnvoll und hilfreich ist die Annahme eines gemischten Publikums, in deren folge in einem Text unterschiedliche Verständnisebenen nebeneinander existieren können. Zu den übergreifenden Themen gehören schließlich auch die im Mittelalter diskutierten Übersetzungstheorien und deren praktische Umsetzung, die für die Beziehungen zwischen französischem und deutschem Minnesang ebenso wichtig sind wie für die Differenzen zwischen spanischen und deutschsprachigen naturwissenschaftlichen Texten und den verschiedenen Versionen des "Apuleius". Dabei wird man neben der prinzipiellen Frage der Übersetzbarkeit auch den unterschiedlichen Wissens- und Interessensstand in den verschiedenen kulturellen Gemeinschaften berücksichtigen müssen.
Unter den Themen, die die jungen WissenschaftlerInnen bearbeiten, sind einige auch für die interdisziplinäre Frauenforschung von Relevanz. So behandelt eine Arbeit die Frage, welches spezifische Interesse den in einem Nonnenkloster entstandenen Texten zu Grunde liegt. Andere Arbeiten untersuchen die Darstellungen der Judithgeschichte in mittelalterlicher Literatur oder auch die Anfänge der deutschsprachigen Mariendichtung. Im übrigen belegt das breite Themenspektrum der vorgestellten Projekte, dass die Mittelalterphilologie sehr viel mehr umfasst als "nur" Literatur- und Sprachwissenschaft. Die Auseinandersetzung mit Texten des Mittelalters öffnet den Blick auf die darin aufscheinenden Vorstellungswelten und Erfahrungshintergründe. Medizingeschichte wird so ebenso zu einem wichtigen Thema wie mittelalterliche Naturwissenschaft, Jurisprudenz, Kosmologie oder Theologie.
Dass weibliche Vorbilder für den wissenschaftlichen Nachwuchs wichtig sind, zeigen aber auch die Fragen der Lebensplanung, die an dem Wochenende ebenfalls zur Sprache kamen. Schließlich stellt sich die Vereinbarkeit von Familie und Promotion in der Planung eines männlichen Lebenslaufes doch immer noch radikal anders dar als bei einer weiblichen Doktorandin.