12. Nachwuchsforum: Zürich 2005

Edition und Historia

Am Fronleichnamstag 2005 machte sich das Tübinger Mediävistische Nachwuchsforum zu seinem mittlerweile zwölften Treffen auf. Ziel unserer Reise war Zürich, wo Henrike Lähnemann momentan als Gastprofessorin lehrt. Unter Teilnahme Zürcher Doktorandinnen und Doktoranden wurden vom 24. bis 26. Mai die Projekte der Tübinger DoktorandInnen und HabilitandInnen und einer Schweizer Doktorandin vorgestellt und diskutiert, Erfahrungen wurden ausgetauscht, und es zeigte sich deutlich, wie viele Parallelen sich zwischen den einzelnen Arbeiten trotz der unterschiedlichen Themenstellung doch ziehen ließen.

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Im Handschriftenlesesaal der Zentralbibliothek Zürich

Schon nach den ersten Vorträgen kristallisierten sich mehrere Überschneidungsbereiche der Diskussion heraus, mit denen sich ein Großteil der Doktorandinnen im eigenen Projekt konfrontiert sah und die aufgrund der intensiven individuellen Vorarbeiten einen besonders fruchtbaren Austausch ermöglichten. So zeigten sich etwa Editionsfragen, die historia-Thematik und die besondere Rolle der Stadt Nürnberg als gemeinsame Interessenbereiche, die den konstruktiven Austausch beförderten.

Die Reihe der Vorträge wurde durch Christiane Ackermann und Sandra Linden mit einem Textgespräch zur Mystik des 13./14. Jahrhunderts eröffnet, das sich mit der 2004 erschienen Mystikgeschichte von Otto Langer, die mystische Texte als Gegenbewegung zu einer allgemeinen Rationalisierung in unterschiedlichen Lebensfeldern betont und die Mystik Mechthilds von Magdeburg und Meister Eckharts als eine Reaktion auf die in den Städten virulente Armutsproblematik sieht, auseinander setzte. An zwei Beispieltexten, nämlich dem 44. Kapitel des ›Fließenden Lichts der Gottheit‹ und Eckharts Predigt 9 wurden Langers Kategorisierungen zur Diskussion gestellt und einer kritischen Überprüfung unterzogen.  Die geistliche Thematik wurde auch im Vortrag von Diana Lemke fortgeführt, doch nun ging es um Fragen der Edition einer deutschen Handschrift der Vita des Aurelius von Riditio (Cod. Don VI,5). Neben dem Vergleich der deutschen Übersetzung mit dem lateinischen Ursprungstext und dem im 16. Jahrhundert historischen Zusammenhang mit der Reformationszeit, ging es auch um technisch-praktische Themen wie etwa die Genauigkeit der Transkription und die editorisch-bessernden Eingriffe in den Text. Michael Rupp führte mit seinem Habilitationsprojekt zu den deutschen Handschriften der Zisterzienserabtei Altzelle das Thema geistlichen Schrifttums und seiner Überlieferung fort. Es gelang ihm, die Anfertigung bzw. den Erwerb deutscher Handschriften in einem sonst lateinischen Bibliothekskontext gezielt mit dem Wirken von Abt Vinzenz Gruner zu Beginn des 15. Jhs. in Verbindung zu bringen, der aus einem gelehrten Umfeld stammte und vor seiner Tätigkeit in Altzelle Rektor der Leipziger Universität war. Eine weitere didaktische Vermittlung geistlicher Inhalte stellte Andres Laubinger mit seinem Vortrag zu den ›43 Gesprächen‹ des Nürnberger Kartäusers Erhard Groß vor, wobei es vor allem um die Form des Gesprächs in Abgrenzung zum Traktat ging. Dass Groß die Sprecherwechsel in seinem Text mitunter sehr undeutlich markiert, wurde sehr deutlich in einer Übung zu Gespräch 20: Ohne die vorgegebene Sprecherrubrizierung gab es im Text nur wenige deutliche Signale für einen Sprecherwechsel, die Dialogpartner beschränkten sich auf zustimmende Bemerkungen, und die Fragen übernahmen vor allem auslösende Funktion, um die lehrhaften Antworten abzurufen. Ausgehend von diesem Befund wurde gefragt, inwieweit sich hier didaktische Funktionen der Dialogform fassen lassen.

Der Nürnberger Kontext, der uns bereits auf den vorangegangenen mediävistischen Nachwuchsforen immer wieder beschäftigt hat, wurde im Vortrag von Matthias Kirchhoff fortgeführt, der sich mit der Gattung des Städtelobs beschäftigte und ›Die Sag von Nürnberg‹, die man lange Rosenplüt zugewiesen hatte, vorstellte. Innerhalb der gängigen, durchaus parallel zu den Ehrenreden angelegten Struktur aus Anrufung, Tatenbericht, Einordnung des Gelobten, Rednerlegitimation und abschließender Fürbitte wird in dem Text die ab 1424 jährlich in Nürnberg stattfindende Heiltumsweisung thematisiert. Im Vortrag von Antje Wittstock ging der Blick auf die nach Altdorf umgesiedelte hohe Schule von Nürnberg, die 1619 im Rahmen eines Dies academicus zum Aufführungsort des 1619 verfassten Dramas ›Melancholicus‹ von Bachmann wurde. Aus der rituell eingeführten Trias von Schultheateraufführung, Überreichung von Promotionsmedaillen und Reden, die die Medaillenmotive erläutern sollten, ergibt sich ein vielschichtiger Verweiszusammenhang, der nach dem Muster der Emblematik erschlossen werden kann. Die Münzen, die mit ihren Abbildungen Aspekte des Theaterstücks aufgreifen, bieten dabei einen wichtigen Hinweis auf die zeitgenössische Rezeption des auf der Bühne präsentierten Melancholiekonzepts.  Um Fragen der Stoffgeschichte in der Gattung Roman ging es bei Franziska Küenzlen, die die Überlieferung des Herzog-Ernst-Stoffes vorstellte. Anhand der lateinischen und deutschen Fassungen galt es, unterschiedlichen Aktivierungen von literarischen Traditionen nachzuspüren und anstelle einzelsprachlicher Untersuchungen einen sprachübergreifenden Diskursraum romanhaften Erzählens anzusetzen. ›De Heinrico‹ stellte sich vor diesem Panorama als ein mögliches frühes Fragment des Herzog-Ernst-Stoffes dar und konnte als Amalgamierung historischer Ereignisse in einem fiktionalen Raum gesehen werden. Christine Thumm stellte erste Überlegungen für ein Dissertationsprojekt zu den Prosaromanen ›Olywer und Artus‹ und ›Valentin und Orsus‹ des Berner Autors Wilhelm Ziely (gest. 1541) vor, die in ihrem Stoffreichtum und der Personenfülle ein vielschichtiges Erzählen vorführen. Ausgehend von der französischen Vorlage, soll das spezifische narrative Vorgehen der beiden Romane, das etwa eine ausgeprägte Innensicht der Figuren und Personenrede aufweist, bestimmt werden. Schlüsseldokument sind die Vorreden, in denen der Autor Rechenschaft ablegt und über den Nutzen solcher history, die hier die fiktionale Erzählung meint, reflektiert. Von anderer Seite beleuchtete Christina Zenker die historia-Problematik bei ihrem Vortrag über die Herodot-Übersetzungen des Hieronymus Boner, in dem sie vor allem der Frage nachging, wie das Werk des antiken Geschichtsschreibers in der Frühen Neuzeit transformiert und aktualisiert wird. Boner bietet keine Übersetzung, sondern eine auswählende Bearbeitung, an der man variante Strategien einer Aneignung geschichtlichen Wissens nachvollziehen kann. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Vorrede, in der Boner die personifizierte historia, die sich als magistra vitae präsentiert, zu Wort kommen lässt und den pädagogischen Nutzen historischer Tatengeschichte für die Lebensführung des Lesers darstellt. 

Die lehrhafte Gattung von Fabel und Sprichwort bildete den Rahmen für den Vortrag von Rebekka Nöcker. Vorgestellt wurde die Breslauer Handschrift IV Q 81, die neben Lehrtexten zur Grammatik und zur Musik auch eine Version des Anonymus Neveleti enthält, der hier dem Bereich der spekulativen Grammatik zugeordnet ist. Anhand dieses Lehrerexemplars wurde es möglich, den didaktischen Einsatz der äsopischen Fabeln im Schulunterricht transparent zu machen und den Stellenwert im Lehrprogramm abzuschätzen. Thema des Vortrags von Pamela Kalning waren Wertekonflikte in der didaktischen Literatur, die im allgemeinen als konfliktfrei charakterisiert wird. Anhand des Exempels vom Richter, das von Jacobus de Cessulis geschildert wird, wurde der Rollenkonflikt zwischen zwei verschiedenen Rechtspflichten vorgeführt. Anstatt zu einem Kompromiss kommt es zu einer äußeren Erfüllung, indem die körperliche Strafe von einer Ersatzperson geleistet und ein Irritationseffekt beim Rezipienten ausgelöst wird. Auch wenn in der Großstruktur keine konkurrierenden Wertesysteme zugelassen werden, sondern vielmehr eine verbindliche, widerspruchsfreie Lehre angestrebt wird, lassen sich im Detail immer wieder Wertekonflikte beobachten, an denen die literarische Deutung ansetzen kann. 

Zwischen den Vorträgen blieb freilich auch Zeit, die Stadt ein wenig zu erkunden. Neben einer Führung durch das Großmünster mit reformationsgeschichtlichem Schwerpunkt waren wir einen Vormittag zu Gast in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek, wo Henrike Lähnemann uns einen bunten Querschnitt durch die mittelalterlichen Bestände der Zentralbibliothek zeigte, u.a. Handschriften, die mit den Projekten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Verbindung standen: zwei Schachzabelbücher, eine Nürnberger Chronik des 16. Jahrhunderts und mehrere Zürcher Familienbücher und Chroniken mit autobiographischen Einträgen. Damit wurde gleich die Verbindung von dem Nürnberger Schwerpunkt zum schweizerischen Aufenthaltsort  geschlagen, da uns die Zürcher Doktorandin Alexa Renggli das Familienbuch Hans Voglers des Älteren und des Jüngeren aus Altstätten präsentierte, das eine Vielzahl unterschiedlicher Texte zusammenführt. Vor allem bei den literarischen Textfragmenten ließ sich die Frage nach Herkunft und ursprünglichem Autor diskutieren: So finden sich neben einigen Passagen, die eindeutig Heinrich Seuse zuzuschreiben sind, auch Gelegenheitsdichtungen wie ein ironisches, mit Phantasienamen gespicktes Rezeptgedicht. Marlies Stähli, Bibliothekarin in der Handschriftenabteilung, begleitete die Gruppe bei dieser Erkundung und führte uns auch noch durch die Zimelienausstellung im Chor der Predigerkirche mit Stücken vom Purpurpsalter bis hin zu humanistischen griechischen Handschriften. 

Insgesamt zeigte sich der Austausch zwischen den DoktorandInnen und HabilitandInnen wieder einmal als eine willkommene Alternative zur Vorstellung der Projekte im Oberseminar oder in offizielleren Zusammenhängen, bei denen sich häufig doch die Hierarchie universitärer Positionen bemerkbar macht. Die Diskussionsrunden fanden in einer freundschaftlichen, aufgelockerten Atmosphäre statt, die Zusammenarbeit der fast nur aus Frauen bestehenden Gruppe hat nach mittlerweile 12 durchgeführten Nachwuchsforen eine ganz selbstverständliche Bereitschaft entwickelt, Probleme der eigenen Arbeit offen zu benennen und sich auf die Fragestellungen der anderen Teilnehmerinnen einzulassen. Ein weiteres Treffen, das im Winter 2005 in Tübingen stattfinden soll, ist geplant.

Dr. Sandra Linden
(Deutsches Seminar)