2. Nachwuchsforum: Münsterschwarzach 2000

von der erfarung aller lant

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Von Freitag, 5. Mai bis Sonntag, 7. Mai 2000 fuhren zehn DoktorandInnen und drei Habilitandinnen der mediävistischen Abteilung des Deutschen Seminars der Universität Tübingen zu einer Klausurtagung in das Benediktinerkloster Münsterschwarzach.

'Curiositas', die Neugier auf neue Orte und auf wissenschaftliche Diskussionen, auf die Weiterentwicklung der Fragestellung bei den anderen Teilnehmerinnen und auf die Reaktion der anderen auf die eigenen Thesen, trieb uns dazu, die gemeinsame Arbeit des 'Mediävistischen Nachwuchsforums', die vor einem Semester in Blaubeuren begonnen hatte, in dieser Weise fortzusetzen.
Dabei stellten gleich die ersten Referate warnend die Ambiguität des Wissenstriebs vor: Neugier verwandelt den Helden der spätantiken 'Metamorphosen' des Apuleius in einen Esel; erst die Hilfe der Isis kann ihn zurückverwandeln - und prompt wurde darin in der frühneuzeitlichen Rezeption ein autobiographisches Spiegelbild des Autors gesehen, der mit seinem eigenen Weg eine 'conversio' zur Religion proklamiere (Franziska Küenzlen). Wie in spanischen, italienischen und deutschen Versionen des Apuleius-Romans die Spannung von Autobiographieannahme und Fiktion produktiv je unterschiedlich genutzt wird, gab einen anschaulichen Einblick in kulturelle Anverwandlungsprozesse, die auch in ganz anderen Bereichen der mittelalterlichen Literatur vor sich gehen. Das theoretische Fundament lieferte dazu die Besprechung eines parallelen Kapitels im deutschen und lateinischen 'Narrenschiff'. Unter dem Titel 'Forschung und Glaube: Curiositas bei Brant und Locher' wurde das jeweils 66. Kapitel ('Von erfarung aller land' bzw. sein lateinisches Pendant) analysiert (Michael Rupp). Der Titelholzschnitt des Kapitels als Bild der Gratwanderung von Wissenschaftlerinnen (und Wissenschaftlern!) zwischen meßbaren Ergebnissen und Selbstüberschätzung (s.o.) wurde in der Diskussion in seine Einzelteile zerlegt - und in der Folge ironisch immer wieder als kritisches Korrektiv zitiert.

Das nächste Referat knüpfte mit einer zweiten Arbeit zum Autor Jakob Locher direkt an, aber unter ganz anderer Fragestellung. Im Blickpunkt stand Locher als Dramatiker, dessen verklausulierte Hinweise auf den B2ühnenaufbau in den Prologen seiner Stücke uns dazu brachten, seine Renaissancestücke probeweise in Rekonstruktionszeichnungen antiker Idealbühnen einzupassen, um zu verstehen, wie er sich die Adaption antiker Dramatik vorstellte (Cora Dietl). Wie weit eine solche theoretische ebenso wie praktisch erfolgende Antikenrezeption von den rund 50 Jahre später entstehenden Reformationsdramen etwa eines Hans Sachs entfernt ist, war eines der Nebenergebnisse eines Referats (und ein Beispiel dafür, wie sich Themen auf der Tagung vernetzten), das sich mit den Umbrüchen in der Darstellung der Figur und des Buches 'Judith' beschäftigte. Wenn Judith beispielsweise im 'Parisurteil' von Hans Sachs unter den Weiberlisten genannt wird, also einer Reihe von trickreichen Frauen, die sich Männern als überlegen erwiesen haben, öffnet sich für die Figur ein neuer Funktionszusammenhang. War sie im Mittelalter klar mit Tugenden wie der Keuschheit oder der Tapferkeit verbunden, so breitet sich mit der neuen Bewertung der Stoff im 16. Jahrhundert explosionsartig aus (Henrike Lähnemann). Die Ambiguierung von Begriffen und die Spannung, die sich in den Grenzbereichen von Systemen ergeben, zog sich als roter Faden durch die Referate, gerade dort, wo der geistliche Bereich berührt wurde. Über neue Ansätze der Gender-Studies erschloß sich die Polysemie geschlechtsspezifischer Begrifflichkeit in der Nonnenliteratur - Nonnen, die sich um (männlich konnotierte) Autorität für ihre Verbreitung geistlicher Literatur bemühen, stehen Zisterzienseräbte gegenüber, die sich als Säugamme ihres Klosters bezeichnen (Astrid Breith).
Direkt in den Grenzbereich zwischen weltlicher und geistlicher Literatur führte ein Referat, das sich mit der methodischen Grundlegung der Kategorisierung von Erzählungen beschäftigte, die teuflisches und himmlisches Personal aufweisen (Alwine Slenczka) und daher bislang aus der sog. Gattung 'Märe' ausgeschlossen wurden. Werden da, wo christliche Wertesysteme über die handelnden Personen assoziativ eingebracht werden, bestimmte Erfahrungsmöglichkeiten dem Publikum erschlossen, die in anderen Gattungen, etwa in auf eine Lehre konzentrierten Exempeln, nicht möglich sind? Wo werden Stoffüberschneidungen zwischen Mären und ähnlichen Texten in anderen Sprachen so aussagekräftig, daß narrative Konzepte daran deutlich werden (Cordula Michael)?
Wissen im Spannungsfeld zwischen praktischer Information und geistlicher Auslegung boten spanische und deutsche Texte zur mittelalterlichen Tierkunde. Während an neuen spanischen Textfunden gezeigt werden konnte, daß dort die wissenschaftliche Vermittlung (auch im Kontext der arabischen Literatur) z.B. durch Aristoteles-Übersetzungen von Tierbeschreibungen im Vordergrund steht, ist die mittelalterliche deutsche Tierkunde stärker an einer allegorischen Ausführung interessiert (Verena Dehmer). Wissen ganz anderer Art bot die Kriegsdarstellung im 'Ring', die mit den Überschneidungsbereichen verschiedener narrativer Welten spielt, wo sie zum Kampf der Bauerndörfer Lappenhausen und Nissingen gegeneinander bekanntes episches Personal aufbietet, das den technisch kundig nach antiken Mustern geschilderten Schlachtablauf spielerisch unterminiert (Pamela Kalning). Gleichzeitig entstehen in der Folge der Sangspruchdichtung Weltbeschreibungen, die gerade nicht fiktiv sein wollen, sondern Naturgesetzlichkeiten zu theologischen und zu poetologischen Aussagen nutzen. Über die Frage, ob es legitim sei, die Interdependenzen, die sich dabei zwischen Wissensliteratur wie dem deutschen 'Lucidarius' und den meisterlichen Baren geben, auch für Konjekturen zu nutzen, wurde noch einmal deutlich, was für alle Interpretationsarbeit des Wochenendes galt: erst in der Situierung der spezialisierten Fragestellung, wie hier nach der Kosmologie, im Kontext der breiteren Überlieferung läßt sich das Interesse, das mit der Darbietung von Wissen verbunden ist, richtig fassen (Dietlind Gade).

Eine ähnliche Kontextualisierungsarbeit leistete das Referat, das den letzten Referatblock zur höfischen Literatur einleitete. Die Beschreibung der Bewertung der Figur Tristans bei den Minnesängern erwies sich als ein Weg, um über mikrostrukturelle Beobachtung zu fundierten Beschreibungen der unterschiedlichen Ansätze in der französischen und deutschen Lyrik zu gelangen: einer ausgefeilten Minnekasuistik mit komplizierten Argumentationsmustern im Lied Chretiens de Troye steht eine eher affektive Besetzung von Positionen der Liebe in den deutschen Versionen gegenüber (Nicola Zotz). Tristan fungierte als heuristischer Schlüssel auch auf einem zweiten Gebiet, bei der Annäherung an Möglichkeiten von Individualität in höfischen Romanen. Dort, wo in Gottfrieds von Straßburg 'Tristan' sich Reibeflächen zwischen musterhaftem Verhalten und der Andersartigkeit des Helden ergeben, wird zu einer neuen Beschreibung des Verhältnisses von Innen und Außen des Helden aufgefordert - Anstöße, die hin zur Individualität weisen können (Annette Gerok-Reiter). Wie die Ambiguierung bekannter Muster aber auch in der Aporie einer nicht mehr funktionierenden Kommunikation resultieren kann, zeigte die Analyse der Gefangenschaftsbeschreibung in Ulrichs von Liechtenstein 'Frauendienst': Ulrich wird von seinen eigenen Vasallen durch Lüge und falsche Freundschaftszeichen, also den pervertierten Gebrauch höfischer Sprache, gefangen gesetzt. Der Zusammenbruch des höfischen Zeichensystems ist jedoch auf den gesellschaftlich-politischen Bereich beschränkt und wirkt sich nicht auf die ideale Gedankenwelt in den Minneliedern des Sängers Ulrich aus (Sandra Linden).
Die kontinuierliche wissenschaftliche Neugier, die die gemeinsame Blaubeuren-Fahrt beflügelte und zu einem intensivierten Gespräch des 'mediävistischen Nachwuchs' untereinander im vergangenen Semester geführt hat, hat sich gelohnt: fast jedes Referat begann damit, wie sich Fragestellung und Textbehandlung verschoben haben - Präzisierungen und Umstrukturierungen, die nicht zuletzt durch den gegenseitigen Austausch herbeigeführt wurden. Mit Hilfe der Frauenkommission ins Männerkloster zu fahren, erwies sich als idealer Weg. Auf diese Weise war ein für mittelalterliche Literatur konstitutiver kultureller und hermeneutischer Horizont handgreiflich präsent; die unermüdliche Kommentierung der Rituale des mönchischen Lebens, die uns der in Tübingen zu einem Thema der deutschen Mystik promovierte Bruder Mauritius Wilde als Gasthörer und Gastgeber lieferte, band die Atempausen zwischen den Referatblöcken in eine geistliche Struktur ein, in der das intensive Arbeiten nicht erschöpfte, sondern bei geistiger Disziplin und leiblicher Sättigung erholsam blieb.

 

Dr. Henrike Lähnemann
(Deutsches Seminar)