3. Nachwuchsforum: Blaubeuren 2000

brantbetend
Der Dichter bittet um Inspiration, aus: Sebastian Brant: Narrenschiff

An den Grenzen der Texte

Bereits zum dritten Mal haben sich Doktorandinnen, Doktorand und Habilitandinnen der mediävistischen Abteilung des Deutschen Seminars von der Universität Tübingen aus zu einem gemeinsamen Wochenende aufgemacht: wie vor einem Jahr in Blaubeuren und vor einem Semester in Münsterschwarzach sollten am 3.–5. November, wieder in Blaubeuren, Fragestellungen und Ergebnisse der eigenen Arbeit präsentiert werden. Besonders anregend war es zu sehen, wie sich die Arbeiten in dem Zeitraum weiterentwickelt und verändert haben – nicht zuletzt auch durch die gemeinsamen Überlegungen, die bei den letzten Treffen angestellt worden waren.

Bei aller diversitas der ein Jahrtausend umfassenden Textkorpora mit ihrem Umfang von der Sentenz bis zum Großroman, gab es doch immer wieder (auch überraschende) Querverbindungen. Es begann bereits im Grenzbereich, beim Auftauchen himmlischen Personals in einer höchst weltlichen Schwanksituation, deren prekärer Reiz quer durch die Weltliteratur genutzt worden ist, der 'Buhlschaft auf dem Baume': Mitten in einer Ehebruchshandlung provoziert das eifernde Eingreifen des Petrus eine unerwartete Rede Christi über Vergebung. Alwine Slenczka analysierte, was der Ebenenwechsel zwischen Weltlichem und Geistlichem an Erfahrungspotential für den Rezipienten bietet. Cordula Michael führte den Bogen mit theoretischen Vorüberlegungen zur Erzählweise solcher märenartigen Texte fort: inwieweit lassen sich innerhalb der mittelalterlichen, auch nicht deutschen, Verserzählungen Traditionslinien ausmachen, und wo lassen sich Grenzen solcher Erzählweisen (z.B. schwankhaft oder höfisch-galant) erfassen?

Den weitesten zeitlichen Rahmen umfaßte die Vorstellung von Sibylle Hallik zu Sprichwörtern und zu Sentenzen in der 'Ars dictaminis', also die Darstellung der Funktion von sententia und proverbium in Brieflehren von der Spätantike bis zum Spätmittelalter. Der Grundlagenwert dieser Arbeit wurde im Lauf des Wochenendes immer wieder deutlich, da diese literarischen Kleinstformen strukturierende Kraft für epische Werke ebenso wie für die Didaxe besitzen. Den Abend beschloß der lebhaft diskutierte Bericht über die Internationale Frauenuniversität (IFU) von Astrid Breith, die den Sommer über in diesem Versuch einer ganz anderen Zusammenarbeit von Frauen als Tutorin im Bereich 'body' tätig war.

Der zweite Morgen wurde von einem Spektrum von Arbeiten eröffnet, die sich mit unterschiedlichen Konzepten von Wissensvermittlung beschäftigen: an der Grenze zum arabischsprachigen Kulturbereich in Spanien (Verena Dehmer zu kastilischen naturkundlichen Schriften, die Parallelen auch im deutschsprachigen Raum besitzen), zur antiken Theorie von Krieg und Kriegsführung, wie sie sich theoretisch in 'Kriegslehren' und praktisch im Roman findet (Pamela Kalning) und zum wissenschaftlichen Artes-Konzept und seiner Funktionalisierung in meistersingerlicher Liedkunst (Dietlind Gade am Beispiel eines Bars im Langen Ton Regenbogens). Dieser Brückenschlag zu fremden Kulturen wurde von einem Extrembeispiel integrativer Interpretation aufgenommen: Franziska Küenzlen stellte vor, wie der italienische Renaissance-Kommentator Beroaldo versucht, die Beschreibung der Isis-Religion bei Apuleius für eine christliche Hermeneutik fruchtbar zu machen (glatzköpfige Isispriester werden als tonsurierte Kleriker verständlich gemacht) – und damit wichtige Weichenstellung für die volkssprachige Rezeption des antiken Romans leistet.Wieder in den klassisch-höfischen Bereich mediävistischer Arbeit führten die beiden folgenden Werkstattberichte, die aber auch von einer textüberschreitenden Focussierung ihren Text verständlich zu machen versuchten. Katrine Prassé erschloß den 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg über die Rezeptionssteuerung, die das Publikum durch den Erzähler erfährt: Wie wird das fiktive, aber auch das neuzeitliche Lese-Publikum in das 'wir' der Erzählerkommentare einbezogen? Um die Einbeziehung des Publikums in einen Steigerungsprozeß ging es auch bei der Analyse des 'Leichs' von Walther von der Vogelweide. Anna Mühlherr führte vor, wie die Behandlung der Figur Mariens für eine Neudeutung des Kirchenbegriffs genutzt wird, der die Grenzen zwischen aktueller Politik und Gebet überschreiten kann. An diesem Punkt schlossen sich, wenn auch gut drei Jahrhunderte später, die Reflexionen an, die sich den Prologaussagen von Judith-Dramen im 16. Jahrhundert entnehmen lassen (Henrike Lähnemann). Rezeptionsanweisungen wie die Proklamation  Frau Judith mag vns lernen wol, wie man den Türcken schlagen sol – mit der Sixt Birck dann zu verstärktem Gebet aufruft! – zeigen das weiterhin prekäre Ineinander von politischen und theologischen Aussagen, auch unter den Bedingungen der Reformation.Der letzte Tag wurde wieder von einem Grundlagenwerk eröffnet: Gudrun Felder stellte ihren Stellenkommentar zur 'Crône' Heinrichs von dem Türlin (1225) vor. Anhand der detaillierten Aufschlüsselung des 'Prologus praeter rem' konnte sie zeigen, wie eine mikrostrukturelle Analyse eines gelehrten Autors intertextuelle Aufschlüsse geben kann und wie beispielsweise die von Sibylle Hallik untersuchten Sentenzen im Kontext konkret für eine Werkgestaltung in Anspruch genommen werden. Die Wanderung von literarischen Kleinstkomplexen anderer Art zeigte der Motivvergleich, den Nicola Zotz für französische und deutsche Kreuzlieder mit gleicher Form von Conon de Béthune und Friedrich von Hausen aufzeigte: die Trennung zwischen Herz und Leib, im französischen nur angedeutet, wird zum tragenden Konzept der Kreuzzugsüberlegungen des deutschen Minnesängers.

Am Schluß standen zwei Arbeiten zu Jacob Locher: Cora Dietl zeigte die Konsequenzen der Mussato-Rezeption bei Jacob Locher auf, die die deutsche humanistische Dramendiskussion um Komödie und Tragödie entscheidend beeinflußt hat. Daneben stand eine Arbeit, an der deutlich wurde, wie die Inspirationsbitte (s.o. das Bild) sich erfüllen kann: Michael Rupp konnte seine Doktorarbeit zum Vergleich von Brants 'Narrenschiff' mit Lochers 'Stultifera Navis', aus der einzelne Kapitel bei den letzten Treffen vorgeführt worden waren, jetzt in ihrer Gesamtkonzeption vorstellen. Die Ergebnisse, die aus der genauen Analyse der Grenzwanderung zwischen volkssprachiger Didaxe im 'Narrenschiff' und lateinischer Gelehrtenkultur in der bearbeiteten Übersetzung der 'Stultifera Navis' Jakob Lochers erwuchsen, ermutigten auch die anderen Teilnehmerinnen, in der geduldigen Textarbeit fortzufahren, ohne dabei den Blick über die Grenze der Sprache, Gattung oder Zeitepoche zu vernachlässigen.

Ähnliche Grundsatzentscheidungen waren in jedem Fall zu treffen: Gerade dort, wo sich die Fragestellungen an die Grenzen des eigenen Textbereichs wagten, sei es von strukturellen Fragen oder von inhaltlichen Problempunkten her, ergaben sich Parallelen, etwa bei der Frage, wie Korpusabgrenzungen begründbar sind oder welche Herangehensweisen für eine interdisziplinäre Öffnung der literaturwissenschaftlichen Analysen weiterführen. Gerade für diejenigen, die am Beginn ihres Projekts stehen, war diese Erkenntnis und der Erfahrungsaustausch sehr hilfreich.

So ist schon wieder ein weiteres Treffen geplant: Ende April nächsten Jahres soll die Anwesenheit einer der Doktorandinnen in Kopenhagen dazu genutzt werden, gemeinsam mit dem Fortschritt der eigenen Arbeiten die nordische Mediävistik zu erkunden. Nachdem bisher die Frauenkommission der Neuphilologischen Fakultät in großzügiger Weise unsere Unternehmungen gefördert hat, hoffen wir, auch für diese Grenzüberschreitung Unterstützung zu finden.

Dr. Henrike Lähnemann
(Deutsches Seminar)

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