5. Nachwuchsforum: Blaubeuren 2001

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Edition und Rezeption

Nach der Kopenhagen-Exkursion im Mai 2001 begab sich das Tübinger Nachwuchsforum der mediävistischen Abteilung des Deutschen Seminars vom 23.-25. November 2001 wieder einmal in etwas nähere Gefilde: Im Tagungszentrum der Universität Tübingen in Blaubeuren wurden an einem Wochenende die Projekte der beteiligten Doktorandinnen und des Habilitanden vorgestellt und diskutiert, Erfahrungen wurden ausgetauscht, und es zeigte sich deutlich, wie viele Parallelen sich zwischen den einzelnen Arbeiten trotz der unterschiedlichen Themenstellung doch ziehen ließen.

Im Tagungszentrum der Universität Tübingen in Blaubeuren wurden an einem Wochenende die Projekte der beteiligten Doktorandinnen und des Habilitanden vorgestellt und diskutiert, Erfahrungen wurden ausgetauscht, und es zeigte sich deutlich, wie viele Parallelen sich zwischen den einzelnen Arbeiten trotz der unterschiedlichen Themenstellung doch ziehen ließen. Der wissenschaftliche Austausch lief wie schon bei unserer letzten Tagung in Kopenhagen über die engeren Grenzen Tübingens hinaus, und so durften wir an diesem Wochenende auch zwei Gäste von der Universität Chemnitz begrüßen (einen ehemaligen Doktoranden aus Tübingen und eine Doktorandin aus Chemnitz). Schon nach den ersten Vorträgen kristallisierten sich an diesem Wochenende zwei Hauptbereiche der Diskussion heraus, mit denen sich ein Großteil der Doktorandinnen im eigenen Projekt konfrontiert sah und die aufgrund der intensiven individuellen Vorarbeiten einen besonders fruchtbaren Austausch ermöglichten, nämlich Rezeptionsphänomene und Editionskriterien.

Franziska Küenzlen hatte sich eine Rezeptionslinie vorgenommen, die vom Apuleius-Roman (2. Jh. n. Chr.) bis in die frühe Neuzeit führte: Sie beschäftigte sich mit der deutschen Übersetzung des Apuleius-Romans durch Johann Sieder (1500) und untersuchte die damaligen Konzepte zur Übersetzung eines antiken Textes in die Volkssprache. Vor dem Hintergrund theoretischer Überlegungen zur Übersetzungstechnik von Heinrich Steinhöwel und Niclas von Wyle ließ sich der Text von Johann Sieder als eine Übersetzung charakterisieren, die sich zwar von der lateinischen Satzstruktur inspirieren läßt, aber dennoch die Konzentration auf die inhaltlichen Fakten einer Wort-für-Wort-Übersetzung vorzieht. Eine lohnenswerte Ergänzung boten die Holzschnitte, mit denen die Siedersche Übersetzung im Druck illustriert ist, da sie allerlei Rück- und Vorverweise auf den Text bildlich umsetzen.

Die Projektvorstellung von Verena Dehmer beschäftigte sich ebenfalls mit einem Phänomen der Rezeption: es ging um die volkssprachliche Rezeption der biologischen Aristoteles-Schriften in Spanien, die vor allem anhand zweier spanischer Handschriften aus der Biblioteca Nacional de Madrid (Ms 10198 und Ms 3338) untersucht wurde. In einer altspanisch-arabisch-lateinischen Textsynopse wurde der Prolog der ›Historia animalium‹ analysiert, wobei sich herausstellte, daß dem spanischen Verfasser neben arabischen Handschriften auch ein lateinischer Text vorgelegen haben muß. Überlegungen zu Editionskriterien wie etwa die Frage, ob man das Arabische in lateinischer Schrift transkribieren sollte, leitete über zum Projekt von Astrid Breith. Sie stellte im Rahmen ihrer Arbeit über die Schreiberin Regula aus dem Kloster Lichtenthal einen Editionsentwurf für die Paula-Legende (Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Lichtenthal 69, fol. 67ff.) vor und rückte Regulas Text in eine kritische Vergleichssituation mit der entsprechenden Legende in den ›Elsässischen Legenda Aurea‹. Da Regula den grundsätzlichen Textbestand der Legende durch ausführliche Einschübe und Marginalien modifiziert, ging es um die Frage nach der editionstechnischen Darstellung dieser Redaktionsleistung. Als Lösung wurden vier verschiedene Apparate vorgestellt, die Angaben zur äußeren Textgestalt (Marginalien), Korrekturen der Herausgeberin, das Mitführen einer Begleithandschrift sowie die Erklärung unverständlicher Wörter bzw. Fehler gestatten.  Christina Zenker analysierte in ihrem Vortrag zum Märe ›Pyramus und Thisbe‹ die literarische Rezeption des Pyramus-und-Thisbe-Stoffes im Mittelalter, die eine deutliche Faszination für dieses ideale, aber tragische Liebespaar offenbart. Zum einen wurden anhand von einzelnen Motiven und den ausführlichen Klagemonologen im mittelhochdeutschen Märe die Unterschiede zur ovidischen Vorlage aufgezeigt, zum anderen fragte die Referentin nach Abhängigkeitsverhältnissen zu weiteren mittelalterlichen Fassungen des Pyramus-und-Thisbe-Stoffes, auch aus dem altfranzösischen und mittellateinischen Bereich. Dabei ließ sich das Zusammenspiel zahlreicher literarischer Beeinflussungen erkennen, und es ergab sich ein differenziertes Netz textueller Abhängigkeiten, die von der einfachen topischen Übernahme bis zu genauen Formulierungsparallelen reichten.  Das Thema idealer Minne wurde auch im Beitrag von Sandra Linden diskutiert, in dem zwei mögliche interpretatorische Zugänge zu Ulrichs von Lichtenstein ›Frauenbuch‹, einem Dialog zwischen Ritter und Dame über den Verfall der höfischen Geschlechterbeziehungen, vorgestellt wurden. Zum einen wurde die gattungsgeschichtliche Verortung des Textes in einem Zwischenbereich zwischen Streitgespräch und Minnerede thematisiert, zum anderen wurde ein Zugang über Aspekte der Gender-Forschung gesucht, wobei vor allem das Bild der untergeordneten Frau aus dem ›Frauenbuch‹ mit dem Konzept der höfischen Minnedame, wie es im ›Frauendienst‹ propagiert wird, verglichen wurde. Abschließend wurde überlegt, wie der ironische Grundton in der Darstellung der Mißstände sich auf die didaktische Ausrichtung des Textes auswirkt. Mit dem Beitrag von Dorit Buschmann, der Doktorandin aus Chemnitz, blieben wir thematisch im 13. Jahrhundert; sie stellte eine Übersetzung und Kommentierung des ›Wigalois‹ von Wirnt von Grafenberg als ihr Projekt vor. Da angesichts der breiten Überlieferung des Textes in rund 40 Handschriften keine Neuedition geplant ist, wurden zunächst einmal die vorhandenen Editionen gesichtet und in ihrem Umgang mit der Überlieferung charakterisiert. In Abstimmung auf den Adressatenkreis einer kommentierten Übersetzung wurde über eine geeignete Art der Kommentierung diskutiert, wobei einer literarisch-inhaltlichen Schwerpunktsetzung der Vorzug gegeben wurde. Von der Vielfalt der Überlieferung ging es zur Vielfalt der Einzeltexte und ihrer intertextuellen Beziehung. Michael Rupp präsentierte erste Überlegungen zu einem Habilitationsprojekt, das sich mit dem Zusammenspiel verschiedener Textebenen befassen könnte – als Beispiel dienten die verschiedenen Sagenkreise des ›Nibelungenlieds‹ sowie der Hoheliedkommentar des Williram von Ebersberg, der dem Vulgatatext eine frühmittelhochdeutsche Prosaerklärung und theologische Kommentare in lateinischen Hexametern in je einer Textspalte gegenüberstellt. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der Montagetechnik, der Frage nach der auctoritas der herangezogenen Wissens- und Textbruchstücke sowie auf der Überlegung, wie sich in dieser kompilierenden Erzähltechnik ein Autorsubjekt positioniert. Sibylle Hallik beschäftigte sich in ihrem Vortrag zur Theorie des proverbium und der sententia mit einer Position aus der Sekundärliteratur, nämlich mit der Habilitationsschrift von Manfred Eikelmann über das deutsche Sprichwort im Mittelalter. Anhand von proverbium-Definitionen von Boncompagno da Signa, Beda Venerabilis, Bene von Florenz und dem Formelbuch aus Baumgartenberg wurde die Eikelmannsche Theorie, daß das für das proverbium beschriebene Merkmal der obscuritas biblischen Ursprungs ist, kritisch geprüft. Dabei stellte sich heraus, daß die mittelalterlichen Theoretiker zwar häufig die ›Proverbia Salomonis‹ heranzitieren, diese jedoch eher als Beispielfall denn als Basis sämtlicher proverbia verstanden werden können. Den Abschluß der Diskussionsrunde bildete wieder ein Beitrag zur Rezeption und konnte somit noch einmal auf einen zentralen Aspekt des diesjährigen Treffens hinweisen: Pamela Kalning behandelte die Vegetius-Rezeption im ›Ritterspiegel‹ von Johannes Rothe, wobei sich herausstellte, daß sich Rothe eher für die moralische Dimension des Krieges als für die militärischen Fakten und Taktiken zu interessieren scheint. Rothe übt einen selektierenden Umgang mit seiner Vorlage – so verzichtet er beispielsweise für das zweite Buch des Vegetius, in dem es um die Aufteilung des römischen Heeres geht, weitgehend auf die Rezeption. Eine Betrachtung der Übernahmetechnik zeigte, daß Rothe immer wieder einzelne Sätze des Vegetius übersetzt, die Textbasis aber sehr stark ausweitet, so daß sich ein ausgewogenes Zusammenspiel aus Übernommenem und Eigenem ergibt..Insgesamt zeigte sich der Austausch zwischen den Doktorandinnen wieder einmal als eine willkommene Alternative zur Besprechung der Arbeiten in Oberseminaren oder Doktorandenkolloquien, bei denen sich häufig doch die Hierarchie universitärer Positionen bemerkbar macht. Die Diskussionsrunden fanden in einer freundschaftlichen, aufgelockerten Atmosphäre statt, die Zusammenarbeit der fast nur aus Frauen bestehenden Gruppe hat mittlerweile – dies war bereits unser fünftes Nachwuchsforum – eine ganz selbstverständliche Bereitschaft entwickelt, Probleme der eigenen Arbeit offen zu benennen und den anderen TeilnehmerInnen Hilfestellung bei ihren Fragen zu bieten. Ein nachmittäglicher Spaziergang durch die Landschaft rund um den Blautopf, die sich uns in diesem Jahr ganz winterlich verschneit präsentierte, rundete das Zusammensein an diesem Wochenende ab. Ein weiteres Nachwuchsforum im Frühjahr ist bereits geplant. Ob es uns dann einmal nach Oxford, wohin wir durch Henrike Lähnemann und Nigel Palmer Verbindungen besitzen, Chemnitz oder doch wieder nach Blaubeuren ziehen wird, ist noch offen.  

Sandra Linden
(Deutsches Seminar)