6. Nachwuchsforum: Blaubeuren 2002

blaubeuren2002

Ergebnisse und Neubeginn

Das 6. Nachwuchsforum der mediävistischen Abteilung vom 12.-14.7.2002 schloß mit Blaubeuren als Treffpunkt an eine mittlerweile eingespielte Tradition der Ortswahl an. Die Kontinuität des Tagungszentrums am Blautopf täuscht aber nicht darüber hinweg, daß sich in der Struktur des Nachwuchsforums erfreuliche Veränderungen abzeichnen.

Nicht nur gelingt es, die Tübinger DoktorandInnen und Habilitandin auch dann, wenn sie mittlerweile an anderen Universitäten tätig sind (Chemnitz, Freiburg), wieder zum Austausch im Rahmen des Nachwuchsforums zu versammeln. Vielmehr zeichnen sich auch neue Linien ab, die eine thematische Erweiterung des Forums versprechen: Mit den Beiträgen von Carsten Kottmann, Andres Laubinger, Christiane Ackermann, Verena Laubinger und Matthias Kirchhoff wurden fünf neue Dissertationsprojekte vorgestellt, die teils noch in ihrer Anlage zu diskutieren waren und teils schon ein dezidiertes und differenziertes Konzept vorweisen konnten. Das Fortbestehen des Nachwuchsforums scheint somit für die Zukunft gesichert, und es zeichnet sich ab, daß auch nach der erfreulichen Fertigstellung mehrerer Projekte, die wir nun eine Weile verfolgt haben, der Diskussionsstoff nicht ausgehen wird. 

 

Neue Projekte

Carsten Kottmann stellte sein Dissertationsprojekt zur deutschen Bibelübersetzungen des Mittelalters im liturgischen Kontext vor. Dabei sollen Perikopenhandschriften vor allem aus dem südwestdeutschen Gebiet aus dem 14. Jahrhundert nach Traditionszusammenhängen und Typisierungen befragt werden. Ein Vorbild bieten dabei die von Nigel Palmer als zusammengehöriger Komplex identifizierten Freiburger Perikopen. Für das umfangreiche Handschriftenkorpus gilt es, dem Kompilationsprozeß nachzuspüren und Abhängigkeiten zu bestimmen. Die Frage nach der Eingrenzung des Textkorpus leitet über zur Zielsetzung der Darstellung, die entweder einen Gesamtüberblick über das Vorhandene oder ein exemplarisches Vorstellen bestimmter Typen verfolgen kann, doch ist eine Entscheidung darüber erst sinnvoll, wenn alle Handschriften gesichtet sind. 

Verbindungslinien zeigten sich in dieser Frage zum Beitrag von Andres Laubinger: Hier ging es um die Möglichkeiten des Computereinsatzes im Umgang mit mittelhochdeutschen Texten, die am Beispiel von Konrads von Würzburg 'Engelhard' vorgeführt wurden, aber auch in ihrem Wert für das Verorten von Traditionszusammenhängen erläutert wurden. Mit einem Programm werden die Wortformen in ihrer Verwendung und Verteilung bestimmt, und dabei liegt besonderes Augenmerk auf Passagen mit einer auffällig hohen oder niedrigen Wortschatzzunahme sowie auf der Verteilung programmatischer Wörter. Als geeignete Untersuchungsfelder wurden die historische Wortbildung, das Nachvollziehen von Werkstattverbindungen und insgesamt Bereiche, in denen man mit einer unübersichtlichen Textfülle konfrontiert ist, vorgeschlagen.

Christiane Ackermann untersuchte in ihrer Projektvorstellung den Zusammenhang von Autor, Körper und Subjekt am Beispiel des 'Frauendienst' Ulrichs von Lichtenstein. Mittels der Psychoanalyse Lacans wurde die Fragmentierung des Körpers in Ulrichs Bemühen um Annäherung an die Dame hervorgehoben. Einen Ausgangspunkt lieferte dabei die Metapher des Spiegelbilds bei Lacan, d.h., Ulrichs Minnedienst ist zu verstehen als Sehnsucht nach der Einheit im kindlichen Spiegelstadium. Lacans Überlegungen zur Ich-Ausbildung, die den Aspekt der Sprache zentral berücksichtigen, werden zur Analyse des Ich-Erzählers genutzt. Die Arbeit soll einen Beitrag zur Frage nach der mittelalterlichen Subjektkonstitution bieten, stellt aber auch grundsätzliche Überlegungen zum Erkenntniswert der Psychoanalyse in der Mediävistik an. 

Im Beitrag von Verena Laubinger ging es um ein metrisches Thema, nämlich um die Theoriebildung des Reimpaarverses im 13. Jahrhundert. Die Blickrichtung zielte auf das Verhältnis von metrischer bzw. rhythmischer Ordnung zur ästhetischen und inhaltlichen Seite des Textes. An einem Vergleich zwischen Gottfrieds 'Tristan' und dem 'Wilhelm von Orlens' Rudolfs von Ems konnte aufgezeigt werden, wie differenziert die Autoren beschwerte Hebungen zur retardierenden Hervorhebung sowie Hebungs- und Senkungsspaltungen zur Beschleunigung etwa in Kampfszenen verwenden. Ein solcher interpretierender Zugriff auf die Metrik birgt jedoch das textkritische Problem, daß die meisten Editoren metrisch bessernd in den Text eingreifen. Als eine zusätzliche Perspektive eröffnet dieser Zugriff die Frage, wie Rhythmus und Zeitempfinden überhaupt strukturiert sind und welche Gedächtnisfunktion wiederkehrende Metrisierungen besitzen. 

Um die Memoria ging es auch im Beitrag von Matthias Kirchhoff, der ein Teilgebiet seines Dissertationsprojekts vorstellte, nämlich die politische und soziale Bedeutung von Ehrenreden. Die Thematik wurde anhand von drei Beispielen veranschaulicht: Lupold Hornburgs Klage auf den Tod von Konrad III. zu Schlüsselberg (14. Jh.), Suchenwirts Ehrenrede auf den Nürnberger Burggrafen Albrecht I. (1361) und Rosenplüts Lobspruch auf Herzog Ludwig von Bayern (1460). Während im ersten Fall die Schwierigkeit einer Rede auf den Kriegsverlierer verhandelt wird, verknüpft Suchenwirt die Präsentation der Taten des Verstorbenen mit der Selbstpräsentation des nun gönnerlosen Dichters, während es im letzten Text um den schwierigen Fall eines Lobes auf einen Feind geht. Es zeigte sich, daß in der Gattung der Ehrenreden keineswegs nur affirmativ gesprochen wird, sondern aktuelle politische und soziale Belange transportiert werden. 

 

Abgeschlossene Projekte

Neben den neuen Dissertationsprojekten konnten zwei Teilnehmerinnen der Veranstaltung auch abgeschlossene Arbeiten präsentieren, die in ihren Ergebnissen und ihrer Gesamtanlage diskutiert wurden.

Nicola Zotz beschäftigte sich mit einer Frage, die bei der Überarbeitung ihrer Dissertation 'Intégration courtoise. Die Rezeption okzitanischer und französischer Lyrik im klassischen deutschen Minnesang' aufgetreten ist: Es handelte sich um eine mögliche Anwendung der Textualitätskategorien von G. Genette ('Palimpsestes') auf die Rezeptionsbeziehung zwischen romanischem und deutschem Minnesang. Genettes Kategorie der Hypertextualität beschreibt formal den Bezug auf konkrete Vorlagentexte bzw. auf ein System und kann somit als Basischarakteristikum dienen. In einem weiteren Schritt ist dann Genettes Zusammenschau von Systemübernahme und Einzeltextrezeption methodisch zu trennen, wofür sich das Instrumentarium, das U. Broich und M. Pfister zur Intertextualität zusammengestellt haben, anbietet.

Dietlind Gade stellte die Einleitung und die Ergebniszusammenfassung ihrer Dissertation 'Kosmologie und Schöpfungspreis in der meisterlichen Lieddichtung' vor. Die Arbeit zeigt in einem ersten Teil anhand von exemplarisch ausgewählten meisterlichen Baren typische Aspekte der Rezeption kosmologisch-astronomischen Wissens auf, um vor dieser Folie im zweiten Teil die Besonderheiten des ersten Spruchbuchs Heinrichs von Mügeln zu analysieren. Dieser stellt einer konstatierenden Sprechweise eine scholastisch argumentierende entgegen und entwickelt daraus seinen poetologischen Meisterbegriff. Da die Einleitung im Ganzen vorgestellt wurde, konnten wir an diesem Beispiel auch Punkte, mit denen sich alle Teilnehmer befassen, diskutieren, so etwa die Frage nach der Integration von Forschungspositionen, nach der methodischen Verortung oder der strukturierten und ansprechenden Hinführung zu den Hauptthesen der Arbeit.

 

Kontinuität

Neben Abgeschlossenem und Neubegonnenem gab es aber auch die Kontinuität bereits diskutierter Projekte, die nicht mehr im Grundsätzlichen besprochen werden mußten, sondern für die nun auf dem Hintergrund des Bekannten interessante Einzelaspekte präsentiert wurden.

Anhand des Beispieltextes 'Chorherr und Schusterin' von Heinrich Kaufringer erläuterte Cordula Michael ihr Dissertationsprojekt zur 'Erzähltradition in der Märendichtung', das diejenigen Erzählungen analysiert, die vom typischen Ehebruchsschwank abweichen. Auf diese Weise wird von den Rändern eines festen Schemas her ausgelotet, wie das Schwankhafte zu definieren ist. Der Blick zum novellistischen Erzählen ist naheliegend, doch das Spiel der Verschiebung von Konstellationen ist bereits in der Schwanktradition vorhanden. In der Erzählung von 'Chorherr und Schusterin' wird das Ehebruchsschema dadurch aufgebrochen, daß mit einer waghalsig-geschickten Inszenierung nicht nur der Ehemann, sondern auch der Geliebte von der Ehefrau hinters Licht geführt wird, was jedoch nicht zum Konflikt ausartet, sondern vom Liebhaber mit einer witzigen Rache pariert wird.

Dorit Buschmanns Vorhaben, zu Wirnts von Grafenberg 'Wigalois' eine Übersetzung und einen inhaltlichen Stellenkommentar anzufertigen, wie sie es bei unserem letzten Treffen vorgestellt hatte, hat sich durch ein 'Konkurrenzprodukt' in seiner Zielsetzung verschoben. Da von anderer Seite eine Neuausgabe des Textes mit Edition geplant ist, entfällt ein Teil des Projekts. Doch ergibt dies im Grunde lediglich eine Perspektivenverschiebung: Nun liegt der Schwerpunkt allein auf dem Stellenkommentar, der folglich umfassender und ausgreifender konzipiert wird und sich in seiner grundsätzlichen Anlage an Projekten wie dem 'Titurel'-Kommentar von Joachim Heinzle oder den Teilkommentaren zum 'Parzival', die jüngst unter der Betreuung von Eberhard Nellmann entstanden sind, orientiert.

Welche interpretatorischen Erträge man mit Hilfe eines detaillierten Stellenkommentars gewinnen kann, zeigte der Beitrag von Gudrun Felder, deren Dissertationsprojekt in einer Kommentierung der 'Crône' Heinrichs von dem Türlin besteht. Auf der Grundlage des Kommentars wurde der Rolle der Frau Sælde nachgespürt. Frau Sælde / Fortuna als die Schutzherrin des Helden Gawein erfährt in der 'Crône' eine Gestaltung, die mehrere vorhandene Traditionen aufgreift und kombiniert: Während im Gespräch zwischen Ywalin und Gawein die Tradition des Fortuna-Rades und der Fortuna anceps noch getrennt werden, findet man im Palast der Fortuna eine Kombination aus beidem: die zweigeteilte Fortuna mit einer häßlichen und einer schönen Seite sitzt unbeweglich auf dem sich unter ihr drehenden Rad und hält ein Kind als Personifizierung des Heils im Arm.

Cora Dietl stellte einen Aufsatz, den sie im Rahmen der Ausstellung 'Schwabenspiegel' verfaßt hat und der thematisch in den Bereich ihres Habilitationsprojekts einer Erforschung der neulateinischen Dramen fällt, zur Diskussion. Nachdem in einem ersten Teil die allgemeine Orientierung der deutschen Humanisten im Umkreis von Johannes Reuchlin und Jakob Wimpfeling am antiken Drama (Terenz, Seneca) aufgezeigt wurde, galt der zweite Teil einem Vergleich zwischen Heinrich Bebel und Jakob Locher: Während Bebel sich als Diener seiner Universität versteht und jegliche Belehrungsreden an die Adresse Kaiser Maximilians ablehnt, verfolgt Locher den genau entgegengesetzten Weg, indem er sich als Dichter des Kaisers zu positionieren versucht und eine enge Verknüpfung zwischen Dichtung und Hofdienst vertritt.

Die Vielfalt der Beiträge verdeutlicht die abwechslungsreiche und fruchtbare Diskussion des Wochenendes, das völlig frei von universitären Strukturen und Hierarchien allein auf die Sache konzentriert war. Schon die Zahl der TeilnehmerInnen macht die Beliebtheit des Nachwuchsforums deutlich: 14 junge WissenschaftlerInnen haben sich zu diesem Austausch zusammengefunden, von denen 11 ein Referat zur Diskussion gestellt haben. In der Bereitschaft, sich mit den Projekten der anderen DoktorandInnen auseinanderzusetzen, nach Verbindungen zu suchen und diese in einer ungezwungenen und lockeren Atmosphäre zu thematisieren, liegt die Qualität des in der deutlichen Mehrheit aus Frauen bestehenden Nachwuchsforums. 

Sandra Linden
(Deutsches Seminar)