7. Nachwuchsforum: Blaubeuren 2002

hieronymus

Studierstube und Gelehrtendiskurs

'Hieronymus im Gehäus' heißt der Typus des Heiligen in der Studierstube, wie er im 16. Jahrhundert idealisiert dargestellt wurde. Bedeutet das, daß der "moderne" Gelehrte sich nur in der Einsamkeit der Studierstube verwirklichen kann, während im Mittelalter Wissenschaft im Lärm des Hofs und Hörsaals getrieben wurde? Gegen diese pauschale These Le Goffs trat nicht nur Antje Wittstocks Beitrag an. Das 7. Mediävistische Nachwuchsforum zeigte schon als Unternehmen, wie Studierstube und wissenschaftlicher Austausch in fruchtbare Wechselwirkung treten können. Bereits zum siebten Mal machten sich neun Doktorandinnen, ein Doktorand, zwei Habilitandinnen und ein Habilitand der germanistischen Mediävistik von der Universität Tübingen aus zu einem gemeinsamen Wochenende nach Blaubeuren auf. Es stand nicht nur unter dem Patronat des Studierstubenheiligen Hieronymus, sondern auch des Bischofs von Myra, der im Mittelalter zum Studentenpatron wurde, da er drei eingesalzene Scholaren zum Leben erweckte; und so diskutierten wir jenseits des Pökelfasses der Studierstuben vom 6.-8. Dezember Fragestellungen und Ergebnisse der eigenen Arbeiten.

Es begann am Ende: zwei Doktorarbeiten, die kurz vor dem Abschluß stehen, wurden zum letzten Mal vorgestellt. Pamela Kalning spitzte für eine Endredaktion der Einleitung noch einmal ihre These zu, daß Kriegslehren einen wichtigen Wissensbereich nicht nur für Fachliteratur wie die 'Lere vom Streitten' Seffners, sondern auch für das fiktional konzipierte Werk Heinrich Wittenwilers bildet. Sibylle Hallik forderte zum Nachdenken über Systematik heraus, da es ihr darum ging, die mittelalterlichen Beispielsätze zur Rhetorik mit der theoretischen Lehre vom richtigen Exordium in Übereinstimmung zu bringen. Diese Art von Abschlußüberlegungen zur systematischen Darstellung trafen sich dann durchaus mit den beiden Arbeiten zum 16. Jahrhundert, die mit der Korpusbildung beschäftigt sind. Matthias Kirchhoff fragte bei einem Überblick über Nürnberger Texte des 15. und 16. Jahrhunderts, in denen Memoria thematisiert wird, wie die Bandbreite pragmatischer und fiktionaler Texte zusammen mit Bildzeugnissen sinnvoll fokussiert werden kann. Auch Antje Wittstock diskutierte in ihrem eingangs zitierten Beitrag zur Studierstube als humanistischem Denkraum, welche Texte zugleich repräsentativ sind und genügend Spielraum für die Spannweite der verschiedenen Aspekte geben. Der erste Abend schloß mit einer sinnfälligen Inszenierung der Vielfalt von Figurenentwürfen, als sich ein schwäbisch-sächsischer Weihnachtsmann mit einem rheinischen Nicolaus traf, um zusammen mit der sonst reinen Frauengruppe das Hildesheimer Spiel des 12. Jahrhunderts von den 'tres filiae' aufzuführen.

Darstellungsfragen beschäftigten uns dann auch am Samstag. Zum einen ganz wörtlich in dem Beitrag von Cora Dietl, die am Huldigungsspiel im deutschen Frühhumanismus zeigte, wie geistliche Repräsentationsmodelle auf weltliche Konstellationen übertragbar sind, wenn Kaiser Maximilian mit den Formen gehuldigt wird, die sonst Gottvater gelten. Auch bei der Hoheliedauslegung Willirams von Ebersberg, die gemeinsam von Henrike Lähnemann und Michael Rupp vorgestellt wurde, kann man von Darstellung sprechen: In einem hochkomplexen Layout wird die Polyphonie des Hohenlieds in einem innertextuellen Verweissystem verschränkt dargestellt. Für das praktische Problem, wie dieses System in einer Neuedition abbildbar ist, leistete die an der Tübinger Textphilologie editionserprobte Runde wichtige Hilfestellung, ebenso wie für drei weitere Projekte, die sich mit Text, Übersetzung und Kommentar beschäftigen: Am weitesten gediehen ist die Crône-Kommentierung von Gudrun Felder, bei der die Anlage des Namensregisters diskutiert wurde. Von hier aus ergaben sich dann gleich Anregungen für die Konzeption einer Wigalois-Kommentierung, die Dorit Buschmann diesmal an einem konkreten Beispiel demonstrierte. Umfassend philologisch, literargeschichtlich und prosopographisch erschließt auch Johana Gallupová einen bislang vernachlässigten Text, die in Prag entstandene Übersetzung des 'Soliloquium' des hl. Bonaventura vom Ende des 14. Jahrhunderts.

Der Sonntag stand dann unter dem Zeichen des Blicks über die eng mediävistischen Grenzen hinaus. Michael Rupp überlegte rückschauend, wie das antike Konzept der Ekphrasis für eine Erschließung von Geschichten in Geschichten in mittelalterlicher Literatur neu nutzbar gemacht werden könnte. Ausgehend von der symbolischen Vergegenwärtigung der Geschichte in der Tafel des Gregorius diskutierten wir mögliche Parallelfälle durch unterschiedliche Gattungen und Epochen. Henrike Lähnemann versuchte dann in fünf 'in nuce' vorgestellten Vortragsvorschlägen, literaturgeschichtliche Themen in einen weiteren Horizont zu stellen, etwa indem die Frage, wer im Hohenlied spricht, bis zu Herder hin perspektiviert wurde. Christine Baatz ging noch weiter und zeigte uns am Beispiel des Beowulf auf, wie altenglische Literatur in Deutschland literarisch und wissenschaftlich rezipiert wurde - bis hin zu Beowulf, dem Germanen, als nationalsozialistischer Puppe. Bei einem abschließenden Besuch der kleinen Dürer-Ausstellung im urgeschichtlichen Museum konnten wir die Studierstube des hl. Hieronymus noch im Kupferstich in Augenschein nehmen, bevor wir uns in die eigene zurückbegaben - nicht ohne eine Fortsetzung des Gelehrtendiskurses zu beschließen.

So ist schon wieder ein weiteres Treffen geplant: Nachdem bereits durch Cordula Michael Beziehungen der Gruppe an die Universität Prag bestanden, hat Johana Galupovà für die Osterwoche 2003 das ganze Nachwuchsforum eingeladen, um dort die gemeinsame Arbeit fortzusetzen. Die Frauenkommission der Neuphilologischen Fakultät, die in großzügiger Weise unsere Unternehmungen bis jetzt gefördert hat, wird hoffentlich auch für diese Ausweitung der Studierstube über die schwäbischen Grenzen hinaus zum Prager Deutsch und zur böhmischen Gotik ihre Unterstützung nicht versagen.

Dr. Henrike Lähnemann
(Deutsches Seminar)